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9. KÖLNER SPORTREDE, 27.04.2018: Rainer Maria Kardinal Woelki: „Der Wert des Sports“

07.05.2018

Ein Kardinal als Festredner der 9. Auflage der KÖLNER SPORTREDE? Rainer Maria Kardinal Woelki, Erzbischof von Köln und bekennender Fußballfan, insbesondere des 1. FC Köln, verstand es geschickt, im historischen Kölner Rathaus vor rund 240 geladenen Gästen aus Sport, Politik, Kultur und Wirtschaft bei der 9. Auflage der KÖLNER SPORTREDE die Heimspielatmosphäre zu nutzen. Wollte sich der Kardinal ursprünglich an die Regel halten, nur eine Halbzeit lang über den „Wert des Sports“ zu referieren, ging er nach 45 Minuten jedoch in eine gehörige Nachspielzeit. Die Zuhörer, unter ihnen als Hausherrin die sportbegeisterte Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, Bernhard Schwank als Leiter der Abteilung Sport und Ehrenamt in der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen in Vertretung der für den Sport zuständigen NRW-Staatssekretärin Andrea Milz, sowie Walter Schneeloch als Vorstandsvorsitzender der Führungs-Akademie des DOSB, folgten dem Kardinal aber auch in der Verlängerung mit größter Aufmerksamkeit.

Die Werte des Sports, so wie er sie versteht, fasste der Kardinal in acht Kapiteln zusammen. Wobei er nach dem Erwähnen der Pluspunkte stets auch auf die Kehrseite verwies. Die gesundheitsfördernde und –erhaltende Wirkung des Sports sei unbestritten. Der Erzbischof formulierte es religiös: „In einem gesunden Körper lebt auch ein gesunder Geist“. Wenn aber Abweichungen vom durch einen Body Mass Index ideal definierten Menschenbild zur Diskriminierung führen, wird es kritisch. Woelki: „Sport soll Gesundheit fördern. Aber wir müssen uns davor hüten Menschen zu strafen, die aus welchen Gründen auch immer keinen oder wenig Sport machen oder ausüben können.“

Beim Hinweis auf die integrative Kraft des Sports erhielt Kardinal Woelki sogar zwischenzeitlich Applaus. Der Fußballfan Woelki erinnerte an die vom Deutschen Fußball-Bund publizierten Spots „Wir sind Vielfalt“. Die Spots hätten passender nicht produziert werden können als bewegende Antwort auf mehr als zweifelhafte Aussagen über Jerome Boateng und Mesut Özil sowie Kritik an den Kinderbildern von Ilkay Gündogan auf Schokoladenverpackungen. Das seien Bemerkungen – Zitat Woelki: „… die ganz offensichtlich ins verbale, sportliche und gesellschaftliche Abseits führten – erschreckender umso mehr, dass diejenigen, die solche Hetze verbreiteten, heute im Deutschen Bundestag sitzen“. Er selber würde sich jedenfalls glücklich schätzen, Jerome Boateng als Nachbarn zu haben.

Schließlich erinnerte der Festredner an die Aussage des Präsidenten des Bonner SC, der für seine Integrationsarbeit eine besondere Belobigung erhalten hatte. Der Katholischen Nachrichten-Agentur hatte er das Engagement seines Vereins im Rahmen von Integrationsarbeit erklärt: „Auf dem Platz zählt nicht der Pass, der die Herkunft erklärt, sondern nur der Pass, der ankommt.“ Und vom Berliner Vedad Ibisevic übernahm Woelki, der vor seinem Amtsantritt in Köln von 2011 bis 2014 Erzbischof von Berlin war, die Hoffnung, dass es der Vorteil jedes Mannschaftssports sei, dass man ihn nicht alleine spielen könne und er so auch Flüchtlingen helfe, die Hoffnung auf Besserung ihrer Situation nicht zu verlieren.

Womit der Festredner beim geselligen Wert des Sports angelangt war. Dazu gehörten auch das gemeinsame Boule-Spielen in einer Parkanlage, der gesellige Kegelabend oder das Wandern in der Gruppe. Kardinal Woelki: „Auch das christliche Pilgern ist von der Bewegung und dem Miteinander getragen. Denn keiner geht allein!“ In Zeiten zunehmender Individualisierung könnte der Wert von Geselligkeit als Baustein für Gemeinschaftserleben und Solidarität nicht hoch genug geschätzt werden; gerade dann, wenn viele heutzutage abgeschottet mit Musik im Ohr für sich alleine joggen.

Woelkis Sichtweise der janusköpfigen Seite des Leistungssports wurde stark geprägt durch sein Zusammentreffen mit der früheren DDR-Spitzenathletin und heutigen Schriftstellerin und Professorin Ines Geipel. Seit diesem Moment setzt sich der Sportsfreund Woelki besonders mit dem Phänomen Depression im Leistungssport und mit der Straftat Doping auseinander, die der schonungslosen Aufklärung bedürfe. Grundsätzlich sei Doping vielseitiger Betrug. Dort, wo Doping aber bereits an Kindern und Jugendlichen praktiziert wurde, sei es Körperverletzung und Identitätszerstörung von höchster Verwerflichkeit. Das vom Doping beeinflusste Wunder des DDR-Sports sei in Wahrheit ein Verbrechen. Hielt man die Gewinner von einst zunächst für die Profiteure der Manipulation, läge der Fokus heute „auf der immer größer werdenden späten Wunde des kriminellen DDR-Sports. Nochmals Zitat Woelki: „In Anbetracht des Grauens, das mit Doping einhergeht, darf man schon vorsichtig nachfragen, ob es – und das meine ich nicht rhetorisch – heutzutage reicht, aus russischen Athleten ‚Olympische Athleten aus Russland‘ zu machen, um die Ächtung des Dopings auszudrücken.“

Kritisch setzte sich Rainer Maria Kardinal Woelki mit dem Preis auseinander, der oftmals für den Erfolg im Leistungs- und Hochleistungssport zu zahlen ist. Besonders kritisch zu betrachten sei der frühe Ruhm. Wo und wie lernen extrem erfolgreiche Jungsportler, mit dem Ruhm so umzugehen, dass er nicht alles überblendet; und mit dem Geld so zu wirtschaften, dass es für das Leben danach reicht? Ruhm darf nicht dazu führen, dass weitere Lebensfragen überlagert und verdrängt werden. Wenn der Ruhm dann auch noch einhergeht mit immer größeren Risiken im Sport, ist die Perspektive besonders kritisch einzustufen.

Zum Ruhm tragen olympische Medaillengewinne bei. Was Olympische und Paralympische Spiele anbetrifft, wollte Woelki deren Großartigkeit nicht infrage stellen. Letztlich aber ist für ihn das Maß der Dinge: „Dabeisein ist alles.“. Baron Pierre de Coubertins Idee, mit Olympischen Spielen die Jugend der Welt zusammenzuführen, verglich der Kölner Erzbischof mit den katholischen „Weltjugendtagen“ der Päpste der letzten dreißig Jahre. Bei Coubertin war der Olympismus eine Lebensphilosophie, die die Freude an der Leistung mit erzieherischen Werten und dem Respekt vor universalen und fundamentalen ethischen Prinzipien verbinden sollte. Dass inzwischen auch Sportlerinnen und Sportler mit Behinderung bei Olympia gleichwertigen Paralympischen Spielen aktiv werden, gehört nicht nur nach Woelkis Meinung zu den großen Errungenschaften der Menschenrechtsbewegung. Nun aber wünscht sich der Kardinal, und damit folgt er der paralympischen Top-Athletin Verena Bentele, dass paralympische Sportler in jeder Weise mit nicht–behinderten Athleten gleichgestellt werden: gleiches Erfolgsprämiensystem, gleiche berufliche Förderung z. B. durch Bundeswehr und öffentlichen Dienst. Aus organisatorischen Gründen lassen sich Olympische und Paralympische Spiele nicht zeit- und ortsgleich ausrichten. Woelki aber regt an, dass die Sportfachverbände bei internationalen Meisterschaften über eine Parallelität nachdenken sollten.

Im siebten Abschnitt seiner Festrede blickte der Kardinal auf die politische Neutralität des Sports. Gibt es sie? Wie war das mit den Olympischen Spielen 1936 in Berlin? Mögliche Beispiele der jüngeren Geschichte, obwohl sicherlich auch aktuellere politische Signale hätten erwähnt werden können, sprach Woelki nicht an. Aber er begrüßte das politische Signal des Präsidenten des Fußballbundesligisten Eintracht Frankfurt, Peter Fischer, der jüngst die Eintracht zwar parteipolitisch neutral einstufte, was aber nur für Parteien gelte, die im Einklang mit den Werten der Eintracht stünden. Dies sei aber nach Fischer Meinung bei der Alternative für Deutschland nicht der Fall. Der Kölner Kardinal meinte, es würde sich lohnen, diesen spannenden Gedanken weiter zu verfolgen.

Probleme hat der Erzbischof bei der Bewertung der kommerziellen Ausrichtung des Spitzensports. In Zeiten, in denen Verdienste von Sportstars ebenso wie die Verdienste mancher Pop- und Filmstars mittlerweile jegliche Vorstellungskraft sprengen, wollte Woelki das Verhalten der Kölner Fußballer Hector und Horn, die den Verlockungen großer Angebote widersprachen und beim nächstjährigen Zweitligisten ihre Verträge verlängerten, in ein positives Licht rücken: „Verlässlichkeit und Treue sind mehr wert als kurzfristige Erfolge“.

Das erzbischöfliche Schlusswort widmete Rainer Maria Kardinal Woelki der religiösen Dimension des Sports. Religiöse Gesten und Gebärden sind seitens der FIFA vor allem bei großen internationalen Ereignissen verboten, nicht zuletzt, weil viele Sponsoren mit bestimmten Religionen nicht in Verbindung gebracht werden wollen. Auf der anderen Seite sind Stadien aber für viele Fans, für die Fußball zur Religion wurde, Pilgerstätten geworden. Dort folgt man einer gemeinsamen Zeremonie, singt, jubelt und trauert. Und vor allem: Die Fußballfans pflegen wie in der Religion eine weitverbreitete Erinnerungskultur. Die Sammler von Autogrammen, Trikots oder sonstigen Sportstar-Utensilien verhalten sich wie Reliquiensammler. Auch die olympische Idee trage quasi-religiöse Züge. Der Sportler sei oftmals „eine Art Priester“.

„Für mich, der ich aber wirklich einer bin, soll dies das Schlusswort meiner KÖLNER SPORTREDE sein“, meinte der Festredner abschließend. Woelki, der früher gerudert und vor allem Basketball gespielt hat, heute noch gelegentlich Fahrrad fährt, am Tag nach der Rede den Abstieg seines geliebten 1. FC Köln aus dem Fußball-Oberhaus betrauerte und sich ansonsten im Fernsehen auch ganz gerne mal Boxen anschaut, sieht im Sport für seine Kirche Vorbildhaftes: „Ausdauer, Bemühen um Fairness und so zu laufen, dass man das Ziel erreicht, wobei die Platzierung letztlich egal ist.“ Lang anhaltender Applaus war dem 9. Kölner Festredner sicher.

Hanspeter Detmer