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Vizepräsident Silbersack wirbt für mehr Sportverständnis in der Politik

18.11.2020

„Können vor nachhaltigen gesellschaftlichen Schäden in der Coronakrise nur warnen“

DOSB-PRESSE: Mitunter wird in diesen Tagen von einem „Lockdown light“ gesprochen. Wie klingt das in Ihren Ohren?
ANDREAS SILBERSACK: Es ist grundsätzlich nicht gut, wenn sich insbesondere Kinder und Jugendliche, aber auch Menschen anderer Altersgruppen nicht bewegen dürfen. Sport und Bewegung dient dem Wohlbefinden der Menschen und ihrer Gesunderhaltung. Eine Situation, wie wir sie jetzt haben, kann uns überhaupt nicht gefallen.

DOSB-PRESSE: Findet der organisierte Sport, das sind immerhin rund 27 Millionen Menschen, insgesamt zu wenig Gehör bei der Politik?
SILBERSACK: Wir sind tagtäglich auf allen Ebenen mit der Politik in Kontakt, um für mehr Öffnung zu werben. Am Dienstag haben wir das gemeinsam mit allen Landessportbünden nachdrücklich bei den Ministerpräsidenten und Regierenden Bürgermeistern der Länder hinterlegt, am Donnerstag mit den Sportministern der Länder diskutiert. Unsere Vereine haben vorbildliche Konzepte entwickelt und sind traurig, dass ihre Konzepte nicht zum Tragen kommen.
Das wird für die gesamte Vereinslandschaft zu nachhaltigen Problemstellungen führen. Wenn den Mitgliedern ihr Verein praktisch nicht mehr zur Verfügung steht und je weniger sie ein Verständnis für diese Tatsache haben, desto größer wird die Gefahr, dass sie Konsequenzen ziehen und nicht mehr wie gewohnt mitwirken. Die Mitglieder in den Sportvereinen werden sich zunehmend die Frage nach dem Sinn stellen. Darin sehe ich für die nähere Zukunft, für 2021 und 2022, eine große Herausforderung für den gesamten organisierten Sportbetrieb. Wir können vor nachhaltigen gesellschaftlichen Schäden, und zwar nicht nur vor den materiellen Schäden, nur immer wieder eindringlich warnen.

DOSB-PRESSE: In Mecklenburg-Vorpommern dürfen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in ihren Vereinen sowohl im Freien als auch in Hallen weiterhin trainieren. In Hamburg und Schleswig-Holstein ist dies nicht möglich. Berlin erlaubt die sportliche Betätigung für Kinder im Alter bis zu zwölf Jahren in festen Gruppen mit bis zu zehn Teilnehmer und einem Erwachsenen. Warum gibt es nicht mehr solcher Ausnahmen?
SILBERSACK: Umgekehrt frage ich: Was passiert, wenn es ausschließlich eine bundesweite und flächendeckende Regelung geben würde? Wahrscheinlich hätten wir dann nicht einmal mehr diese Öffnungen in manchen Bundesländern. Das wäre keinerlei Gewinn für den Sport. Hier zeigt sich ja gerade eine Stärke des Föderalismus, dass nicht alles über einen Kamm geschert wird. In einzelnen Ländern wurde erkannt, wie wichtig es ist, Kindern und Jugendlichen das Sporttreiben zu ermöglichen. Wir werden nicht müde, bei der Politik für weitere solche Öffnungen zu werben.

DOSB-PRESSE: DOSB-Präsident Alfons Hörmann hat das schöne Wort von der „Bewegungs-Insolvenz“ geprägt. Müsste der organisierte Sport der Politik gegenüber nicht weitaus energischer den Wert des Sports klarmachen?
SILBERSACK: Darin sehe ich persönlich einen der wesentlichen Ansätze. Es kann nicht sein, dass in den Verordnungen einzelner Länder der Breitensport unter dem Überbegriff Freizeit gefasst wird und auf diese Weise mit Bordellen, Spielhallen oder Sonnenstudios gleichgestellt ist. Diese Sichtweise ist ein Unding. Hier sind wir gefordert, der Politik noch deutlicher zu machen, welche gesellschaftliche Bedeutung dem Sport zukommt und welche Konsequenzen es hat, wenn man Sport nicht Sport sein lässt. Ein Verbot des Breiten- und Vereinssports kann nicht funktionieren. Daran wird die ganze Gesellschaft Schaden nehmen. Andererseits ist es schwierig, mit diesen Zusammenhängen bei den Politikern von jetzt auf gleich durchzudringen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir innerhalb der nächsten zehn Tage eine andere Situation haben. Der organisierte Sport kann nur immer wieder die Bundes- und Landespolitik dazu aufrufen, mutiger zu sein und den Sport differenzierter zu betrachten.

Andreas Müller

DOSB-PRESSE 32/2020