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»Das Boxen holt die Kinder von der Straße«

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© A. Hoffmeister Alexander Oestreich vom Box- und Freizeitclub Greifswald
„Wie stärkt man den Zusammenhalt? Zum 35jährigen Jubiläum des Bundesprogramms »Integration durch Sport« in Ostdeutschland stellen wir in unserer Interviewreihe die Menschen, Vereine und Netzwerke hinter dem Programm vor.

Alexander Oestreich

Vor dem roten Backsteingebäude des Box- und Freizeitclubs in Greifswald weht eine steife Brise. Doch daran hat sich Trainer Alexander Oestreich, der in kurzem Shirt und Jogginghose erscheint, scheinbar schon gewöhnt. Vor ein paar Jahren ist der Lehrer für Biologie und Chemie von Bochum in die Hansestadt gezogen. Mittlerweile ist er auch Vorstand des über sechzigjährigen Vereins.

Herr Oestreich, was kann der Boxsport aus Ihrer Sicht zum Leben beitragen?
Wir haben viele Kinder und Jugendliche in unserem Verein, die traumatisiert sind. Solche Menschen reagieren oft mit Rückzug oder Angriff. Beim Boxen lernen sie neues Selbstbewusstsein aufzubauen und machen die Erfahrung, wieder selbstbestimmt zu handeln. Das Training kann dazu dienen, Aggressionen abzubauen, aber auch wieder aus sich herauszukommen. Und zu lernen, Stopp zu sagen. Schließlich ist Boxen ein olympischer Sport, der auch den Schutz der Sportler berücksichtigt.

Was passiert, wenn die Kinder auf die Idee kommen, ihr Können auch mal außerhalb des Rings einzusetzen?
Dann waschen wir ihnen ordentlich den Kopf! Schließlich haben wir ja auch einen Erziehungsauftrag. Wenn da auf der Straße jemand ist, der sie herausfordern will, dann rate ich den Kindern immer: „Rennt weg!“ Auf der Straße gibt es keinen fairen Kampf. Deswegen bringe ich meinen Kindern auch als erstes schnelles Rennen bei! (lacht) Wir bilden hier nicht nur zum Boxen, sondern auch zu Moral und Disziplin, aus. Im Ring lernen die Kinder, dass wir alle unsere Grenzen haben, die nicht überschritten werden dürfen.

Wie sind Sie selbst zum Boxsport gekommen?
Ganz klassisch über eine WG-Party. Ein Studienkollege, der schon seit seiner Kindheit geboxt hat, hat mich angesprochen und gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mal mitzukommen. Ich habe den Sport damals vor allem als Ausgleich genutzt, um abzuschalten. Das ist fast schon meditativ.

Mit Meditation würden wohl die Wenigsten das Boxen in Verbindung bringen …
Wenn jemand vor meiner Nase steht und mir ins Gesicht schlagen will, treten alle Probleme in den Hintergrund. Da habe ich einfach keine Zeit mehr über irgendwas anderes nachzudenken. Boxen ist nicht umsonst eine der härtesten Sportarten der Welt. Da muss man seine gesamte Konzentration und Muskelkraft einsetzen, und zwar in einem enorm hohen Pulsbereich.

Fast neunzig Prozent der Mitglieder in ihrem Verein haben Migrationsgeschichte, viele von ihnen sind Geflüchtete. Wie kommt das?
Das liegt daran, dass wir ein starkes Netzwerk zu Kinder-, Wohn- und Flüchtlingsheimen in Greifswald aufgebaut haben. Die Jugendlichen dort wissen häufig gar nicht, wohin mit sich. Entweder sie spielen auf ihrem Handy oder sie gehen sich an die Gurgel. Und deshalb sind sie häufig auch sehr froh, wenn sie mal aus dieser Welt herauskommen und sich bewegen können.

Ihren Club gibt es schon seit über sechzig Jahren. Dass es so einen hohen Anteil beim Boxen gibt, war vermutlich nicht schon immer so?
Doch. Es mag zwar ein Klischee sein, aber das Boxen holt Kinder und Jugendliche von der Straße. Wenn es wieder irgendwo auf der Welt knallt, stehen die Kinder aus diesen Regionen häufig zwei Jahre später bei uns in der Boxhalle. Das betraf zuerst Länder wie Jugoslawien, später den Irak und Afghanistan, dann war es Syrien und jetzt die Ukraine. Momentan haben wir mehr ukrainische als zum Beispiel syrische Kinder, denn die sind mittlerweile schon erwachsen geworden. Unser Trainer Mohammed Daghsh war neun Jahre alt, als er hier im Boxclub angefangen hat. Er hat mittlerweile Abitur gemacht, studiert jetzt BWL und trainiert unsere Kinder und Jugendlichen im Verein.

Im Gegensatz zu vielen anderen Vereinen, haben sie in Ihrer Satzung sehr explizit gemacht, dass sie keine rassistischen und fremdenfeindlichen Gesinnungen tolerieren. Wieso?
Gerade in Anbetracht der Stimmung in einigen Gegenden in Mecklenburg-Vorpommern, ist es uns einfach wichtig, die Fahnen hochzuhalten. Die Kinder sollen merken, dass hier alle gleich sind. Ich finde, man muss auch ehrlich sagen: Ohne die Migration, ohne unsere Einwanderer, gäbe es den Boxsport hier nicht mehr. Das wollen viele nicht wahrhaben, aber ich kann ihnen ja mal die Liste der Namen vorlesen, die hier boxen. (Oestreich holt eine Liste und liest eine Reihe von slawisch und arabisch klingenden Namen vor.) Ohne diese Kinder könnten wir gar keine Kämpfe mehr veranstalten.

Boxen ist ein eher männlich dominierter Sport, wie gut gelingt es Ihnen denn, auch Mädchen und junge Frauen für den Sport zu begeistern?
Es gibt viele Mädchen, die sich für das Boxen interessieren. Schwieriger wird es allerdings, wenn wir sie bewegen wollen, mal bei einem Wettkampf mitzumachen. Aber auch diese Mädchen gibt es und auf die bin ich sehr stolz. Dass das überhaupt möglich ist, liegt auch daran, dass unser früherer Cheftrainer Horst Femfert es geschafft hat, Kämpfe für sie zu organisieren. Denn man muss ja auch Mädchen finden, mit denen man auf Augenhöhe kämpfen kann. Und dieser Pool ist sehr begrenzt. Deshalb müssen wir dann häufig auch ins Ausland fahren.

Sie wurden vor einigen Jahren vom damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz mit dem vierten Platz beim Bundesfinale „Sterne des Sports“ ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen so ein Preis?
Unsere Arbeit wird von verschiedenen Seiten als so selbstverständlich angesehen, dass es schön ist, wenn man diese Wertschätzung bekommt. Wir machen unsere Arbeit ja sehr gerne, aber eben auch ehrenamtlich. Allein die Erziehungs- und Bildungsarbeit, die wir hier jeden Tag mit den Kindern machen, ist immens. Ohne Vereine wie unseren würde es in Deutschland sehr schlecht aussehen. Also ja, das war schon schön, diesen Preis zu bekommen. Auch wenn es ein bisschen schade war, dass wir nicht den ersten, zweiten oder dritten Platz gemacht haben.

Sie haben trotzdem sehr viel Aufmerksamkeit für diese Auszeichnung bekommen.
Das stimmt. Die hat natürlich auch extrem bei der Suche nach neuen Sponsoren geholfen. Denn so ein Preis zeigt ja auch, was wir können. Wir waren aber vor allem stolz darauf, dass wir von der Rostocker Jury einhellig nominiert wurden, an dem Wettbewerb teilzunehmen. Die bestand immerhin aus zwölf Menschen, darunter Olympiasieger, Journalisten und Sponsoren. Das war ein riesiges Lob, dass die Beteiligten durch die Bank weg für uns gestimmt haben.

In Mecklenburg-Vorpommern finde demnächst die Landtagswahlen statt. Inwiefern wirken sich die politischen Verhältnisse auf Ihre Arbeit aus?
In unserem Verein spürt man davon nichts. Wenn man allerdings mal auf ein paar Sportveranstaltungen geht, sieht man dort schon häufiger für die rechte Szene typische Codes. Was ich aber viel erschreckender finde, sind die Veränderungen in der Förderlandschaft. Wenn man sich mal mit anderen Vereinen unterhält, muss man feststellen, dass scheinbar immer weniger Projekte mit einem Schwerpunkt auf Integration und Flüchtlinge gefördert werden. Das scheint einfach nicht mehr so gut anzukommen.
Weswegen die Gelder von Integration durch Sport natürlich immer wichtiger werden. Denn auch die Spenden und Sponsoren werden in diesen Zeiten immer weniger.

Anna Hoffmeister
für den LSB MV

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