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Auf dem Weg zu den Jugendsportspielen MV

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© Ralf Herbst
Junge Talente im Porträt

Wenn Ende Juni 2026 die besten Nachwuchssportlerinnen und Nachwuchssportler Mecklenburg-Vorpommerns zu den 17. Jugendsportspielen des Landessportbundes MV in Neubrandenburg zusammenkommen, stehen nicht nur Medaillen und Wettkämpfe im Mittelpunkt – sondern vor allem die Menschen hinter den sportlichen Leistungen. In den Wochen vor den Spielen stellen wir deshalb junge Athletinnen und Athleten aus ganz Mecklenburg-Vorpommern vor: ihre Sportart, ihren Trainingsalltag, ihre Ziele und die Leidenschaft, die sie antreibt.

Die Sportlerportraits geben Einblicke in die Vielfalt des Nachwuchsleistungssports im Land und zeigen, mit wie viel Ehrgeiz, Disziplin und Teamgeist sich die Talente auf die Jugendsportspiele vorbereiten. Gleichzeitig erzählen sie Geschichten von persönlichen Erfolgen, besonderen Momenten und der Freude am Sport – stellvertretend für viele engagierte junge Menschen in den Vereinen Mecklenburg-Vorpommerns.

Heute:

Merle Wendt

„Für alle ist das große Ziel Olympia – auch für mich“

Für Linus Wendt ist die Sache klar. „Jaaaaaa“, sagt der 15-jährige Schweriner Kanute auf die Frage, ob er seine drei Jahre jüngere Schwester Merle eines Tages bei Olympia sieht. Ein Ja mit einem aus tiefer Überzeugung kommenden langen „Aaaaaa“. Denn er kennt Merle am besten. „Bei uns zu Hause läuft irgendwie immer alles auf einen Wettkampf zwischen uns beiden hinaus“, berichtet er. Früher habe er seine Schwester dabei durchaus auch mal absichtlich gewinnen lassen. „Aber jetzt längst nicht mehr. Merle gewinnt auch allein schon oft genug.“

Was die Sechstklässlerin der Regionalschule ihres Heimatortes Banzkow vor den Toren Schwerins als Kanutin draufhat, will sie einmal mehr bei den anstehenden Landesjugendsportspielen von MV unter Beweis stellen: „Ich möchte in Neubrandenburg alles fahren, was möglich ist; und ich will auch alles gewinnen“, sagt sie selbstbewusst.

Damit legt sich Merle selbst die Latte hoch, aber keineswegs unerreichbar hoch. Denn sie dominiert in den nördlichen Bundesländern bei den B-Schülerinnen, der Altersklasse der Zehn- bis Zwölfjährigen, das Geschehen auf den Kanustrecken aktuell fast nach Belieben. Bei den Norddeutschen Meisterschaften 2025 in Hamburg sicherte sich die Athletin vom Kanu- und Kleinsegelverein e. V. Schwerin im Einer-Kajak die Titel über 500 m, auf der 2000 m langen Langstrecke sowie im Kanu-Mehrkampf, bestehend aus einem 2000-m-Lauf, dem bereits genannten und auch als Einzelwettkampf gewerteten Kajakrennen über 500 m sowie 100 m „fliegend“ im Kanu, Ballschocken und Standweitsprung. „In den einzelnen Disziplinen des Mehrkampfes war ich jeweils entweder Erste oder Zweite“, fasst Merle kurz zusammen.

Ihren sportlich bislang größten Erfolg aber landete sie 2025 beim alljährlich ausgetragenen Olympiapokal von Ost- und Norddeutschland, vergleichbar fast den früheren DDR-Meisterschaften. Dort bietet jedes der Neuen Bundesländer mit Ausnahme Thüringens, das nicht teilnimmt, seine jeweils vier besten Mädchen und Jungen pro Altersklasse auf. Traditionell schneidet dabei Mecklenburg-Vorpommern eher nicht so gut ab. Und auch im September 2025 in Berlin-Grünau blieb die MV-Ausbeute mit sechs Medaillen auf den ausgefahrenen 500-m-Distanzen überschaubar. Immerhin vier davon aber gewann Merle oder war zumindest an ihnen beteiligt. So gewann sie gemeinsam mit dem Stralsunder Arne Wulf Gold im Mixed K2. Jeweils Silber holte sie im K2 mit der Neubrandenburgerin Liese Muhs sowie im K4, in dem auch ihre Vereinskameradin und Freundin Helene Heidemann mitfuhr. Ihre Erfolgsbilanz rundete sie schließlich mit Bronze im K1 ab. Vier Starts, vier Medaillen – klar, dass das großgewachsene Mädchen mit dem sympathischen Lächeln darauf stolz ist. Aber Merle wäre nicht Merle, wenn sie auch völlig zufrieden gewesen wäre. „Ich hätte nicht mehr Medaillen gewinnen können“, sagt sie: „Aber ich hätte noch bessere Medaillen gewinnen können.“

Dieser unbedingte Ehrgeiz ist eine große Stärke der Banzkowerin, die mit einem Notendurchschnitt von 1,3 auf dem Halbjahreszeugnis auch schulisch glänzen kann und in ihrer Freizeit gern bastelt und malt. Mitunter aber ist dieser Ehrgeiz auch eine Last. „Merle will immer gewinnen und kann nur schwer damit umgehen, wenn es denn doch mal nicht so klappt“, weiß ihre Mutti Anne, die ebenso wie Papa Arne fast immer dabei ist, wenn bei Merle und Linus kanumäßig etwas anliegt. Kunststück, allein der Weg von Banzkow nach Schwerin zum Training braucht die Hilfe der Eltern. „Aber“, ergänzt Anne Wendt, „es gelingt Merle langsam immer besser, auch mal eine Niederlage zu akzeptieren. Sie arbeitet an sich.“

Und weil Merle immer auch kritisch mit ihrer eigenen Leistung ins Gericht geht, fährt sie trotz allen Spaßes am Miteinander in den Mannschaftsbooten am allerliebsten den K1, den Einer-Kajak. „Wenn da etwas mal nicht so läuft, dann liegt es ganz allein an mir“, weiß sie. „Ich kann niemand anderem die Schuld geben, aber ich kann es auch ganz allein wieder ausgleichen.“

Dafür, sich und ihr Boot in die Erfolgsspur zu paddeln, verfügt sie über reichlich Potenzial. Das hat sie in zahlreichen Wettkämpfen schon gezeigt. „Sie kann technische Hinweise zum Bewegungsablauf sehr schnell umsetzen und zwar so, dass sie sich damit zugleich auf ein neues Niveau bringt. Und sie ist athletisch stark“, schätzt Trainer Hartmut Austinat ein.
Mit ihren athletischen Fähigkeiten wie Ausdauer und Kraft kann Merle in dem schmalen Rennboot ebenso auftrumpfen wie mit Geschicklichkeit und dem Gefühl für das wacklige Gefährt. „Ich bin zwar auch schon ab und an gekentert, das bleibt nicht aus“, gesteht Merle. „Aber es lässt sich noch an den Fingern einer Hand abzählen, wie oft mir das in meiner Laufbahn passiert ist.“

Große Reserven hingegen sehen der Trainer und seine talentierte Athletin gleichermaßen beim Start. „Nach dem Ready – Set – Go, dem Startkommando, dauert es bei mir noch zu lange. Da lasse ich wertvolle Zeit liegen“, bekennt Merle selbstkritisch und sieht auch in Sachen Technik noch einen Berg Arbeit vor sich. „Ich lerne zwar schnell, muss aber auch aufpassen, das Gelernte nicht wieder zu vergessen, sondern anzuwenden.“ 

„Stimmt! Ich muss ihr schon öfter mal zurufen: Merle, erinnere Dich daran, was wir geübt haben“, sagt ihr Trainer und ergänzt schmunzelnd: „Aber dann läuft es auch gleich wieder.“

Seit bald sechs Jahren ist Merle bereits Kanutin, begann als Sechsjährige, nachdem sie sich bereits kurz beim SV Plate im Fußball sowie in einer Kinderformation der Schweriner Tanzschule Schlebusch versucht hatte. In ihrem Verein sind sie und Bruder Linus längst die dienstältesten Nachwuchskanuten. Helene Heidemann etwa, Merles K4-Gefährtin vom Olympiapokal und neben ihr das einzige Mädchen ihrer Altersklasse im Schweriner Kanu- und Kleinsegelverein, stieß erst vor rund drei Jahren dazu. 

Eigentlich hatte zu Beginn des Schuljahres 2020/21 zunächst nur Linus in den Kanurennsport einsteigen wollen. Weil das aber wie gesagt elterlicher Transporthilfe bedurfte, Schulanfängerin Merle jedoch noch nicht allein zu Hause bleiben konnte, musste sie mit. Damit sie sich nicht wartend langweilen musste, ermutigte Hartmut Austinat sie kurzerhand, auch mal ins Boot zu steigen. Schwimmen konnte sie, hatte das Seepferdchen schon mit fünf gemacht – kein Problem also. „Sie stellte sich gleich sehr geschickt an“, berichtet der Trainer und erinnert sich besonders an eines: „Merle offenbarte sofort einen unbändigen Ehrgeiz. Sie wollte die Sache mit Boot und Paddel in den Griff kriegen. Ganz unbedingt, so nach dem Motto: Das muss doch gehen!“

Es ging, und es ging sogar immer besser. Sechs Jahre währt Merles Laufbahn wie gesagt nun schon. Nicht zuletzt, weil der Kanusport bei den Wendts längst zum großen Familienevent avancierte. Die Eltern sind außer den Transportaufgaben als Trainings-Taxi auch bei den Regatten ihrer Sprösslinge ebenso dabei wie bei den anderweitigen Aktivitäten des kleinen, aber rührigen Vereins vom Schweriner See. Kein Wunder, dass Merle Kanutin mit Leib und Seele ist. „Wenn ich aber nicht zum Kanurennsport gekommen wäre, wäre ich sicherlich nicht bei einer Ballsportart gelandet, das liegt mir nicht so. Aber ich hätte wohl eine andere Sportart betrieben, bei der Kraft und Ausdauer gefragt sind.“ 

Möglicherweise wäre sie ja Ruderin. Als etwa die Aktiven vom Kanu- und Kleinseglerverein sich im Winter am Wettkampf der Schweriner Rudergesellschaft im Ergometer-Rudern beteiligten, hätten die Ruderer die athletische Merle, die in ihrer Altersklasse gewann, auf jeden Fall gern in eines ihrer Boote herübergezogen.

Aber Merle will im Kajak durchstarten und ihren großen Vorbildern, der Neuseeländerin Lisa Carrington und der Potsdamerin Birgit Fischer nacheifern. „Lisa Carrington ist aktuell als mehrfache Olympiasiegerin und Weltmeisterin die absolute Nummer eins in unserem Sport. Ich bewundere sie für ihre Erfolge und auch für ihre Technik. Und Birgit Fischer war zuerst die jüngste und am Ende auch noch einmal die älteste Olympiasiegerin. Sie ist die erfolgreichste Kanutin überhaupt.“

Läuft alles nach Plan, wird Merle bald beim selben Club trainieren wie ihr großes deutsches Vorbild. Sie hat sich beim KC Potsdam beworben und will ab der 7. Klasse das Sportgymnasium der brandenburgischen Landeshauptstadt besuchen. Nach einer Reihe absolvierter Tests konnte sie insbesondere bei einem Kurztrainingslager über Ostern überzeugen, zu dem sie eingeladen war. „Dort hatten wir vier Trainingseinheiten am Tag. Danach hat Trainerin Pia Buchmann ihr Okay gegeben“, erzählt Merle: „Jetzt muss nur noch die Schule zustimmen.“

Trainer Hartmut Austinat geht fest von Merles Wechsel aus. „Mal ganz ehrlich: Sie wären blöd, wenn sie Merle nicht nähmen“, sagt er. Er selbst zumindest sieht für seinen Schützling eine große Perspektive: „Ich traue Merle zu, dass sie in zehn Jahren in der Nationalmannschaft steht. Und dann muss man sehen, was dabei international herauskommt.“

Merle selbst verfolgt als Ziel, was Bruder Linus eingangs mit seinem „Jaaaaaa“ umriss. „Ich bin zwar noch sehr jung, aber: Für alle ist das große Ziel Olympia – auch für mich. Und ich möchte auch gern bei Weltmeisterschaften fahren.“

Ralf Herbst